die vorstellung des chaos

2026
handmade book, 40 pages, edition of 20
risography, thread stiching, adhesive binding

bild und text zum text von gottfried van swieten
aus joseph haydns schöpfung

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30. – 31.10.2026 — super BOOKS 7, Haus der Kunst München

im anfange schuf gott
himmel und erde,
und die erde
war ohne form
und leer,
und finsternis
war auf der fläche der tiefe.

finsternis

er schuf die augenhöhle
dunkle schatten auf dunkler wand
die wahllosigkeit
formen über formen
den elektrischen impuls
die schreckgespenster platons
und die unserer eigenen ohnmacht
den tiefen schlaf
und seine rücksichtslose dunkelheit
und die dunkelheit der hoffnung 
und die des wunsches

gott schuf die hinterzimmergespräche
den machtmissbrauch
und die dunkle gasse
die ölmagnaten 
und die kraft der magneten 
die starke und die schwache kraft 
die schwerkraft
die unsichtbare anziehung

und die geheimnisse, 
    die man bloß unsichtbar teilt
unter dem himmelszelt, 
    das gott schuf
und im wasser, 
    das gott schuf

und gott schuf die sichtbare 
    dunkelheit, die schöne 
die braune erde 
    oder die rote 
        und den sand
und die würmer und den torf 

er schuf die rückseite 
    der arbeitenden hände
und er schuf auch die wimpern
das auge verschließend, 
    die augenhöhle 
die finsternis erneut erschaffend

und der geist gottes
schwebte auf der fläche der wasser,
und gott sprach: 
es werde licht!
und es ward licht.

licht

gleißendes licht
gott schuf die reflexion auf dem 
    wasser
die reflexion im spiegel 
    und die in unserem telefon

gott schuf den diamanten 
und die blutlust des glanzes, 
    des mehr und des schöner

und gott schuf das geld und das gold
strahlend hell und voll verheißung
gott schuf die gala 
    und das gipfeltreffen 
er schuf 
    das glockenhelle lachen der kinder

und er schuf
    die sonne

und gott sah das licht,
daß es gut war,
und gott schied das licht
von der finsternis. 

und gott schuf den schmalen 
    unterschied
zwischen augenhöhle 
    und höhlengleichnis 
        und lagerfeuer 
            und flammenwerfer

und gott schuf das und 
und das beides 
und den widerspruch
den protest und das lebenswerte doch und das dennoch und den trotz

und gott schuf die dialektik
ja, gott trennte für von wieder
er trennte sich, er wurde fremd
und schrieb die argumente nieder
also gott umgrenzte sich
er schenkte sich:
er schenkte dich und schenkte mich
als zwei
denn fremd erkenne ich dich

und gott schuf die umarmung
die reuige und die, die verzeiht,
    dass er uns entzweit

errechnete den sog der finsternis
errechnete die kraft des lichts
    das ihm entkommt

er schuf die vorfreude
und schied sie vom jetzt

der erste tag entstand

er schuf ihn lang und schuf ihn schön
und er schuf ihm einen lockenden
schopf zum greifen
schuf ihm tau am morgen
und schuf ihm früchte

und gott schuf auch den tagesplan
die dunklen gardinen
die müde verquollenen augen
und aber den willen
und das wieder
und die süchte
und die suche nach gestern

verwirrung weicht,
und ordnung keimt empor.

so schuf gott auch die einsamkeit
die sicherheit
und die leise ahnung
    die von ihrer fehlbarkeit

gott schuf den fremdling

gott schuf die frage

gott schuf den zweifel

die fleischige zwetschge 
    und ihren stein
den keimenden frühling 
    pflanzte er in die ordnung ein
den wildwuchs 
und das unkraut 

und gott schrieb bücher über kräuter
er erfand kategorien 
die alchemie
die astronomie und die astrologie
und die philosophie
und den kategorischen imperativ

und gott schuf den zaun 
und den könig
und den panzer
und den grenzer
und den kanzler
und den tänzer 

und den sich immer 
            wieder 
                aufbäumenden mob
                mutig wissend 
                um die geister 
                dort im wasser 

                stur erinnerd
                daran was war 
                als noch gar nicht
                irgendwas war

und eine neue welt
entspringt auf gottes wort

gott schuf langstreckenflüge 
und lange sommerabende

er schuf kurzhaarschnitte
kaiserschnitte
mutterkuchen
insulin
und tierversuche

inselstaaten schuf er
den liebeskummer schuf er
die lust
und den leopard, den schuf er
    den leisen
    der geschmeidig starken schrittes
        durch die savanne streift
    der sich dem schatten
        der akazien sehnt
    der seine trockene zunge verflucht
    und der alleine jagt
die luftwaffe
die f16
und den falken schuf er

die ganze haselnuss
    und die halbe
den vollmond
    und den halben
    der doch rund ist und schön

die raumfahrt und den traum
den albtraum und die alpen

gott schuf die gänseblümchen
gott schuf die gänsehaut
und gott schuf die geschichtsklitterung

er schuf den marder
    den mit schwarzem
    und den mit weißem bauch
    den flinken, wendigen
    der sich durchs unterholz
        schlängelt
    und der mit seinen reißzähnen
        beeren nascht

er schuf die mörsergranate
und den spähpanzer luchs
den transportpanzer fuchs
das jagdflugzeug blitz
und den zynischen witz

erdbeben, vulkanausbrüche
zucker und zahnarztbesuche

er schuf wörter
ideen, davon was wir sehen
ein jedes ding
    mit einem eigenen gesicht

halt meins in den händen
so außen, so anders
und gib mir einen kuss
und sieh dich durch mich

durchs nein
durch die trennung
des deinen vom meinen
du alles

du blendest, machst blind
dich nichts sieht man nicht
nur die blumen und maschinen
und ideen und das kind